Interview

Wovon erzahlt MEINE SCHWESTERN?

LARS KRAUME: MEINE SCHWESTERN handelt von einer Reise, die Linda in Anbetracht ihres nahenden Todes unternimmt, um ein paar schone Tage mit ihren Schwestern zu verbringen. Sie fahren in einen Urlaubsort ihrer Kindheit und weiter nach Paris, wo Onkel und Tante wohnen , betrinken sich, kussen ein paar Jungs und versuchen, das Gluck des Lebens fur einen kurzen Moment festzuhalten, wahrend der Tod immer naher kommt.
Was hat Sie an dieser besonderen Beziehung zwischen Geschwistern, insbesondere zwischen Schwestern interessiert?

LARS KRAUME: Ich finde Familien eigentlich immer interessant. Ich frage mich, wie und warum familiare Konstellationen funktionieren oder auch nicht.
Und wie wurde daraus das Projekt MEINE SCHWESTERN?

LARS KRAUME: Ich hatte bei verschiedenen Filmen mit den drei Schauspielerinnen zusammengearbeitet und fand sie so fantastisch, dass ich einen Film machen wollte, in dem sie zusammen auftreten konnten.
Zur selben Zeit starb mein Cousin an dem Herzfehler, an dem Jordis’ Figur “Linda” im Film leidet. Er war 25 und unglaublich stark in seinem Kampf mit einem unbezwingbaren Gegner. Er versuchte das Leben zu genie?en, solange es ging, und ein wichtiger Teil fur ihn war unsere Familie. Ich hatte keinen Film uber ihn machen konnen, das ware zu schwierig gewesen. Aber Linda hat viel von ihm bekommen: seinen Mut, die Lebenslust und den Optimismus.
Welche Auswirkung hat Lindas Krankheit auf die Familie und die Beziehung der Schwestern untereinander?

LARS KRAUME: Die angeborene Krankheit hat Linda die dominanteste Rolle in der Familie zugewiesen. Alles dreht sich um sie. Ihrer alteren Schwester werden die Eltern dementsprechend zu viel zugemutet haben, sie musste zu fruh erwachsen werden, deshalb ist sie so angespannt und versucht alles zu kontrollieren. Die jungste Schwester Clara hat man versucht aus allem rauszuhalten – bis heute. Das geht naturlich nicht und hat sie sehr einsam und unsicher gemacht.
Sie haben mit den drei Hauptdarstellerinnen das Drehbuch gemeinsam entwickelt. Wie genau konnen wir uns das vorstellen?

LARS KRAUME: Wir trafen uns auf der Grundlage einer groben Story Idee: Linda ist krank, sie ahnt, dass sie bald sterben wird, ihr Mann betrugt sie und deshalb macht sie eine kleine Reise mit ihren Schwestern. So viel stand fest. Damit war der Kern des Films klar: Linda will die Zeit, die ihr bleibt, mit den Menschen verbringen, die ihr am wichtigsten sind. Daruber haben wir dann gesprochen und zusammen uberlegt, was das fur Frauen sind und wie sie zueinander stehen. Insofern haben die Schauspielerinnen ihre Figuren selber in Improvisationen mit entwickelt und Dinge eingebracht, die sie selber von sich oder ihren Familien kennen.
…Eine nicht alltagliche Herangehensweise. Dazu brauchten Sie naturlich Darstellerinnen mit denen Sie dieses „Wagnis“ eingehen. Wie haben Sie diese gefunden?

LARS KRAUME: Bei anderen Filmen: Nina Kunzendorf und ich haben zusammen GUTEN MORGEN, HERR GROTHE 2006 gemacht, Jordis Triebel spielte bei der ZDF Serie KDD-KRIMINALDAUERDIENST mit und mit Lisa Hagmeister habe ich den Tatort DER FRUHE ABSCHIED gedreht. Ich war von allen begeistert und wollte sie zusammen bringen.
So unterschiedlich die drei Hauptdarstellerinnen Jordis Triebel, Nina Kunzendorf und Lisa Hagmeister sind, so harmonisch prasentieren sie sich als „Schwestern“. Wie war die Zusammenarbeit am Set?

LARS KRAUME: Wunderbar. Das waren die schonsten Dreharbeiten, die man sich nur vorstellen kann. Die Drei haben sich personlich gemocht und als Kolleginnen sehr respektiert. Teilweise hatten wir unsere Kinder mit und waren wie eine gro?e Familie, die einen Film uber die drei interessanten Schwestern in ihrer Mitte dreht.
Es wurde chronologisch gedreht. Welche Vor- bzw. Nachteile hat das? Oder anders gefragt: Bedingt der Stoff die chronologische Drehweise?

LARS KRAUME: Der Nachteil ist, dass es teurer ist. Der Vorteil ist, dass es genauer ist. Wenn man genau wei?, was davor passiert ist, wie aufgeregt die Figur war, oder wie schon der Kuss, dann kann man den Moment danach auch feiner spielen. Au?erdem kann ich die Geschichte noch verandern, wenn etwas nicht funktioniert. Es ist ein gigantisches und seltenes Geschenk, wenn man als Regisseur einen Film chronologisch drehen kann.
Die Stadte Hamburg, Paris spielen eine Rolle, aber auch die Landschaft um St. Peter Ording. Wie wurden die Drehorte gefunden und welche Rolle spielen sie?

LARS KRAUME: Sie standen im Buch. Das sind Orte, die zu den Figuren passen. Das burgerliche der Welt ihrer Eltern bringt St. Peter-Ording mit, Paris ist ein gro?er Kontrast dazu und dort leben ihre Tante und deren Mann, Angela Winkler und Ernst Stotzner, ein ganz gro?stadtisches Leben. Hamburg wiederum passt gut zu Nina Kunzendorfs etwas kuhleren Figur.
Auch fur kleine Rollen konnten gro?e Schauspieler besetzt werden. Angela Winkler, Ernst Stotzner und Beatrice Dalle – wie kam das zustande?

LARS KRAUME: Ernst Stotzner spielte schon in “Die kommenden Tage” mit und wenn ich ihn irgendwie besetzen kann, dann tue ich das. Mit Angela Winkler wollte ich auch schon lange mal drehen und jetzt hat es endlich geklappt. Sie passen einfach wunderbar in diese Rollen und verkorpern diese weltoffene, kunstafine Seite von europaischen Gro?stadten wie Paris genauso, wie sie glaubwurdig Onkel und Tante sein konnen. Beatrice Dalle gehort zu meinen ersten Kinolieben. Als Nessie Nesslauer sie vorschlug, war ich sofort begeistert.
Den Dreharbeiten folgte eine intensive Postproduktionsphase. Haben sich wesentliche Anderungen gegenuber der ursprunglichen Fassung ergeben?

LARS KRAUME: Nein, es hat nur lange gedauert, bis alle Partner von dem Schnitt uberzeugt waren. Eine entscheidende Anderung gegenuber dem Drehbuch ist der Anfang: Ich wollte gleich klar machen, dass Linda in diesem Film sterben wird. Der Zuschauer sollte keinen Zweifel haben, ebenso wie Linda, die auch wei?, dass das Leben nicht endlos ist.
MEINE SCHWESTERN erlebte auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2012 seine Weltpremiere. Wie waren die Reaktionen?

LARS KRAUME: Sehr gut. Ich glaube, dass viele Leute einfach sich und ihre Geschwister in diesem Film wiederfinden. Wir habe alle irgendjemanden, der uns braucht, oder den wir gerne mal wieder fur ein paar Tage sehen wurden. Und wir wissen auch alle, dass die Uhr tickt. Der Film ist eine Projektionsflache und dafur gehen die Menschen ja nun mal ins Kino.